von Inés Pelzl
Aufgrund der ständig wachsenden Einwohnerzahl Nürnbergs und damit steigenden Schülerzahlen herrschte am Alten Gymnasium am Egidienberg seit der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts eine eklatante Raumnot. Trotz verschiedener Erweiterungsbauten und der Einrichtung eines zweiten humanistischen Gymnasiums im Jahr 1889[1] verschlimmerte sich die Raumsituation zu Beginn des 20. Jahrhunderts erneut. Im Jahr 1908 schließlich wurde ein Neubau für das Alte humanistische Gymnasium vom Bayerischen Staat genehmigt.[2]
Lageplan des Schulhausneubaus an der Sulzbacher Straße, 1909, Hochbauamt Nürnberg:
Am 5.10.1909 erwarb ein Vertreter des Bayerischen Staates zum Bau eines neuen Gymnasiums von der Stadtgemeinde Nürnberg zwei aneinander grenzende Grundstücke im Stadtteil Gärten bei Wöhrd.[3] Die bevorzugte Lage des Baugrundes an der Sulzbacher Straße, einer „belebten, zukunftsreichen Straße“[4], war für den Neubau eines so geschichtsträchtigen Gymnasiums wohl geeignet. Wöhrd war ein wichtiges städtebauliches Expansionsgebiet. Zudem verband die Ausfallstraße die Altstadt mit den 1899 eingemeindeten Stadtteilen St. Jobst und Erlenstegen, der sich ab Anfang des 20. Jh. zu einem Villenvorort wandelte. Die neu erworbenen Grundstücke befanden sich nur einen Kilometer Laufweg vom alten Standort am Egidienberg entfernt. Die Erreichbarkeit der neuen Schule war somit gegeben. Für diese Grundstücke erhielt die Stadtgemeinde Nürnberg vom Königreich Bayern als Bauherrn rund 280.000 Mark.
Bereits seit dem Jahr 1905 war die Stadt Eigentümer der sich seit 100 Jahren in Familienbesitz der Familie Merkel befindlichen Grundstücke. Auf ihnen standen die barocken Gebäude des sog. Merkelschen Anwesens, bestehend aus einem Wohnhaus längs der Sulzbacher Straße sowie diversen Nebengebäuden und Pavillons.
Zum Anwesen gehörte auch ein großer Garten, der sich auf weiteren Grundstücken bis hinunter zur Georg-Strobel-Straße erstreckte. Das repräsentative Herrenhaus war gegen Ende des 17. Jh. von dem Kaufmann Georg Rössler zu einem barocken Herrenhaus mit repräsentativer Innenausstattung umgebaut worden. Dazu zählte die von dem italienischen Stukkateur Donato Polli gefertigte Stuckdecke im großen Saal des Hauptgebäudes, in deren Deckenspiegel mehrere Fresken integriert waren.[5]
Im Hof des Anwesens befanden sich auch zwei Brunnentröge mit Figurenaufsätzen. Einer davon befindet sich im Nachguss noch heute im Pausenhof.
Die barocken Gebäude mussten dem Neubau weichen. Nur die Stuckdecke hielt man für so hochwertig und von „historischem Wert“, dass sie abgenommen und für eine weitere Verwendung im neu zu erbauenden Gymnasium eingelagert wurde.[6] Die Fresken konnte oder wollte man damals nicht erhalten.
Die Voraussetzungen für den Bauplatz eines Schulneubaus wie Grundform, Lichtverhältnisse, Hochwasserfreiheit, Expansionsfläche (Grundstück 81 ½) waren bei dem Baugrund alle erfüllt.[7] Lediglich eine ausreichende Entfernung von Gewerbebetrieben war nicht gegeben.
Die östliche Seite des projektierten Schulhauses grenzte unmittelbar an das Grundstück der Tabakfabrik Beck. Bei den Vorplanungen für die Schulanlage war deshalb als Abstandsfläche eine neue Straße, gesäumt von Gehsteigen und Rabatten, vorgesehen, die über das Gelände der Tabakfabrik lief. Dafür war der Abriss einiger Nebengebäude des Unternehmens nötig. Der Tabakfabrikant Johann Peter Beck legte gegen diese Baulinienfestsetzung auf seinem Grund Einspruch ein. Die diesbezüglichen Verhandlungen mit Beck führten im Verlauf der Bauarbeiten zu erheblichen Verzögerungen, bis man am 4. April 1910 schließlich eine Einigung erreichte.[8]
Der aus Zweibrücken in der Pfalz stammende Ludwig Ullmann wurde 1902 als Bauamts-Assessor an das Königliche Landbauamt Nürnberg berufen.[9] Sofort wurden ihm als leitender Architekt bedeutende Projekte des Bayerischen Staates übertragen. [10] 1909 wird Ullmann während des Schulneubaus nach München versetzt.
Im Jahr 1908 begann der Architekt mit der Planung des Neubaus. Das vorgegebene umfangreiche Raumprogramm einer Schule, hier mit 18 Klassenzimmern, gab den Flächenbedarf und damit das Bauvolumen vor. Ihm oblag es nun, das Grundstück mit diversen Baukörpern optimal auszunutzen. Zudem musste er die an Schulhäuser gestellten hohen hygienischen, technischen und ästhetischen Anforderungen erfüllen. Gesetzliche Vorschriften für das Schulbauwesen in Bayern gab es bereits seit Mitte des 19. Jahrhunderts. Diese wurden stetig präzisiert und erweitert. Man legte Wert darauf, „der körperlichen Entwicklung der Kinder in der Schule und während der Schulzeit jeden möglichen Vorschub zu leisten und die Nachtheile, welche in Folge mangelhafter baulicher Anlage und Ausstattung besonders dem Sehvermögen und der Körperbildung der Kinder erwachsen können, fern zu halten“.[11]
Das 5.928 qm große Grundstück ist relativ schmal und fast rechteckig.[12] Damit gab es den Grundriss des Neubaus vor. Ullmann plante einen zweiflügeligen Baukörper mit einem „Gelenkbau“ an der Nordwestecke Sulzbacher Straße/Merkelsgasse. Der Nordflügel der Schule befindet sich als Blockrandbebauung längs der Sulzbacher Straße bei voller Ausnutzung der Schmalseite. Der Westflügel ist eingerückt (heute Schulgarten), um die Lichtsituation zu verbessern. Dieser Flügel schließt längs der Merkelsgasse mit einem zweiten Risalit ab. An ihn angebaut ist ein Verbindungsgang zur Turnhalle. Diese war ein Grenzbau zum Expansionsgrundstück der Stadtgemeinde.
Baubeginn war Mai 1909, im Februar 1910 wurde der Dachstuhl aufgesetzt.[13]
Ansicht des Nordflügels zur Sulzbacher Straße, 1923, Hochbauamt Nürnberg:
Die Architekten des Königlichen Landbauamtes waren angewiesen, in Nürnberg die von der Hauptstadt München ausgehende Gestaltung behördlicher Repräsentationsfassaden im Stil des Neobarocks durchzuführen.[14] Einen vereinfachten und schlichten Neobarock wählte Ullmann auch für den Bau des Melanchthon-Gymnasiums. Einfluss auf die Stilwahl könnte auch der barocke Vorgängerbau der Schule, das Merkelsche Anwesen, gehabt haben.[15] Darüber hinaus finden sich am Gebäude neoklassizistische und Jugendstilelemente, die wesentlich moderner sind und auf einen Stilwechsel auch in der Behördenarchitektur hinweisen.
[1]
Neues Gymnasium, vgl. Stadtmagistrat Nürnberg (Hg.), Die Schulen in Nürnberg mit besonderer Berücksichtigung des städtischen Schulwesens, Nürnberg 1906, S. 5.
[2]
Vgl. zur Grundstückssuche und Genehmigung des Baus Schödel, Siegfried, Aufgehobene Geschichte. Vor 75 Jahren bezog das Melanchthon-Gymnasium das Gebäude an der Sulzbacher Straße, in: Jahresbericht Melanchthon-Gymnasium 1985/86, S. 15 – 34.
[3]
Vgl. STAN Reg. K.d.I. Abg 1968 Tit. XIII Nr. 3133 Gebäude des Alten Gym. 1910-1919, beglaubigte Abschrift der Urkunde vom 5.10.1909.
[4]
Vgl. STAN Reg. K.d.I. Abg 1968 Tit. XIII Nr. 3133 Gebäude des Alten Gym. 1910-1919; Königliches Landbauamt Nürnberg an die Königliche Regierung von Mittelfranken, Kammer des Innern, 20.9.1910.
[5]
Vgl. Schwemmer, Wilhelm, Die Anwesen Johannisstr. 39 und Sulzbacher Straße 32 als Beispiele Alt-Nürnberger Gartenkultur, in MVGN, Bd. 64 (1977), S. 192 ff.
[6]
Vgl. STAN Reg. K.d.I. Abg 1968 Tit. XIII Nr. 3133 Gebäude des Alten Gym. 1910-1919; Königliches Landbauamt Nürnberg an die Königliche Regierung von Mittelfranken, Kammer des Innern, 5.4.1910.
[7]
Durm, Josef (Hg.), Handbuch der Architektur von 1889, IV. Teil, Entwerfen, Anlage und Einrichtung von Schulgebäuden, 6. Halbband, Heft 1, Darmstadt 1889, S. 14.
[8]
Vgl. STAN Reg. K.d.I. Abg 1968 Tit. XIII Nr. 3133 Gebäude des Alten Gym. 1910-1919; Beglaubigte Abschrift zu Nr. 11560. Ausfertigung. Gesch. Reg. Nr. 501.
[9]
Vgl. Jöckle, Clemens, Ludwig Ullmann (1872 – 1943), in: Harthausen, Hartmut (Hg.), Pfälzer Lebensbilder, 6. Bd., Jg. 2001, S. 281-319.
[10]
wie z.B. der Neubau des Postgebäudes in der Karolinenstraße 32, Nürnberg.
[11]
Durm, S. 14.
[12]
Vgl. Schödel, S. 17.
[13]
Presseausschuss (Hg.), Festschrift zur Erinnerung an das Mitschülerfest des Melanchthon-Gymnasiums zu Nürnberg vom 23. Bis 25. April 1911, Nürnberg 1911, S. 13.
[14]
Vgl. Jöckle, S. 286.
[15]
Beim Bau des Postgebäudes an der Karolinenstraße verteidigte Ullmann die Wahl des neobarocken Stils auch mit dem Baustil des Vorgängerbaus, das Rentamtsgebäude, das aus dem 18. Jahrhundert stammte.