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„Glückskekse“ – Gerstenberg-Lesung am MGN

„Alles, was in meinen Erzählungen passiert, ist für mich wirklich, spätestens ab dem Moment, in dem ich es aufgeschrieben habe. Einmal gibt es natürliche Beobachtungen, dahingesprochene Sätze, vorübergeglittene Zimmer oder Atmosphären, die ich tatsächlich gemacht, gehört, gesehen und erlebt habe. Genau so oder anders, meist nur ähnlich, vielleicht in abweichender Kombination. Oder ich mache fünf Nächte zu einer, suche nach der Substanz, einem Zusammenhang, den mein Alltag nicht braucht, der Text aber schon.“ (aus: F. Gerstenberg, Fürchten und Sehnen, in: Oberfranken liest, Heft 13, Glückskekse, Bamberg 2006, S. 7f.)Mit Antworten wie dieser aus ihrem Werk begegnete Franziska Gerstenberg während ihrer Melanchthon-Lesung am 10. Januar 2014 den Fragen unserer Zwölftklässler: „Haben Sie das selbst erlebt? Wie ist Ihr Verhältnis zu Ihrem Vater / zu Sexualität /  zu Kritik. (…) Ist doch alles autobiographisch (…)“ (ebd. S. 7).Das Drängen einiger Schüler nach Bestätigung für die vermuteten oder erhofften autobiographischen Hornbrillenwahrheiten hinter den vorgetragenen fiktionalen Beziehungs-„Ungeheuerlichkeiten“ zwischen einer jugendlichen, desillusionierten Marianna und einer nebulös-unsicheren Ich-Erzählerin trieb der Autorin der Erzählung „Glückskekse“ ab und an eine sympathische Röte ins Gesicht. Ihr Blick schweifte dann auf der Suche nach einem geschickten Mittelweg für eine ehrliche Antwort zwischen Offenheit und Geheimnis über die restaurierte Decke der Aula. Es wirkte fast, als ob ihr dabei das Schwarz-Weiß der Deckenbildnisse die mahnende Eingebung verschaffte, mehr zu verheimlichen als zu verraten. Vielleicht war es aber auch ihre feine poetische Intuition für die Notwendigkeit von Rätseln, die es ihr gebot, die Glück verschaffende, phantasievolle und vielseitige Auseinandersetzung junger Menschen mit dem literarischen Wort nicht zu zerstören. Auf jeden Fall hat uns Frau Gerstenberg einen spannenden und interessanten Einblick in die Möglichkeiten und Hintergründe des Schreibens in unserer Zeit beschert, hat das Lesen ihrer Geschichten um das Erlebnis des unmittelbaren Vorlesens bereichert und die weite Welt des freien künstlerischen Schaffens in die Enge des zweckgebundenen schulischen Analysebetriebs gebracht – ein schönes Angebot auch des Ausblicks in die Zeit nach dem Abitur für junge Literaturliebhaber.Vielen Dank dafür, Frau Gerstenberg, und vielen Dank auch, Frau Weiß, für diese Möglichkeit der Zusammenarbeit zwischen der Fachschaft Deutsch des Melanchthon-Gymnasiums Nürnberg und dem Internationalen Künstlerhaus Villa Concordia in Bamberg.

 Alexander Meinlschmidt