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China - die nächste Großmacht? Über chinesische Geschichte, Überwachung und Staatsoptimismus

Prof. Dr. Marc Matten vom Lehrstuhl Sinologie der FAU informierte unsere Q 12 über die Geschichte, Kultur und Politik der Weltmacht China, die in unserem bayerischen Lehrplan bislang kaum verortet ist. Nach dem Vortrag verstanden wir, warum in Deutschland und Europa meist ein eher negatives Bild von der boomenden Wirtschaftsmacht China gezeichnet wird und was die chinesische Gesellschaft eigentlich unter den Begriffen „Menschenrechte“ und „Freiheit“ versteht.

Ein Bericht von Maxima Epe, Q12

China - dieses Land scheint weit von uns entfernt, aber dennoch hat vermutlich jeder etwas bei sich zu Hause, das aus China kommt. Die Aufschrift ,,Made in China’’ ist auf den unterschiedlichsten Gegenständen zu finden und das leckere chinesisches Essen gewinnt immer mehr an Beliebtheit. Doch wie viel wissen wir eigentlich über China?

China ist eine große Wirtschaftsmacht und vielleicht hat man durch die Medien noch etwas von dem ‚chinesischen Überwachungsstaat‘ gehört. Aber sonst ist das Wissen der meisten Schüler*innen über China wohl eher begrenzt. Deswegen war am 26.03.19 Prof. Dr. Marc Matten von der Uni Erlangen-Nürnberg bei den Schüler*innen der Q12 und interessierten Lehrern zu Besuch.

 

Marc Matten studierte Japanologie und Sinologie und kennt sich daher und dank mehrerer Reisen nach China bestens mit chinesischer Geschichte, Kultur und Politik aus. Als er uns zunächst nach unseren Assoziationen zu China fragte, waren sie zum Großteil negativ: Menschenrechtsverletzungen, Kontrolle und Sozialismus waren einige der Begriffe, die fielen. Professor Matten stimmte diesen zwar zu, wies aber darauf hin, dass von den europäischen Medien ein sehr einseitiges Bild Chinas geboten wird.

Genauso verhalte es sich in den chinesischen Medien jedoch mit Berichten über Europa: Er erzählte uns, dass die erste Reaktion einiger chinesische Austauschschüler, die er nach Deutschland begleitete, der Satz ,,Hier ist es ja gar nicht so schlimm’’ war! In China hatten sie von Europa immer nur etwas über die Flüchtlingskrise, den Brexit, Streiks und die lang währenden Diskussionen in den Regierungen gehört.

 

Hierauf begann Professor Matten uns etwas über chinesisch-europäische Geschichte zu erzählen, um zu erklären, worin dieses gegenseitige negative Bild voneinander seinen Ursprung hat.

Im 19. Jahrhundert wollten die Chinesen, genau wie die christlichen Missionare, ihren Glauben, den Buddhismus, in der Welt verbreiten. In Europa wurde dies die ,,gelbe Gefahr’’ genannt und hart dagegen vorgegangen. China geriet immer mehr unter den Einfluss der westlichen Mächte, was zu Aufruhr und Abneigung gegen Europäer in der chinesischen Bevölkerung führte. Der Konflikt erreichte mit dem Boxer-Aufstand, einer bewaffneten Rebellion der Chinesen, um 1900 seinen Höhepunkt, bis er vom Westen niedergeschlagen wurde. Der Begriff der ,,gelben Gefahr’’ zieht sich seitdem durch die Geschichte und wurde sogar 2007 noch indirekt von der Zeitschrift ,,Der Spiegel’’ in Bezug auf China verwendet.

Im Rahmen des westlichen Einflusses auf China begann jedoch auch ein Modernisierungsprozess für das Land. Handel und Zivilisation wurden vorangetrieben, viele wissenschaftliche Texte wurden übersetzt und das westliche Bildungssystem wurde übernommen. China konnte von den anderen Mächten lernen und legte so den Grundstein für seine heutige Macht.

 

Nachdem wir mehr über das europäisch-chinesische Verhältnis gelernt hatten, war uns eine Sache aber immer noch unverständlich: Wie ist das mit der Überwachung, von der man öfters hört? Nehmen die Chinesen wirklich einfach so hin, dass man sie ihr ganzes Leben lang beobachtet und von der Regierung festgelegt wird, was sie wissen dürfen und was nicht?

Professor Matten erklärte, dass auch diese Einstellung ihren Ursprung in der chinesischen Geschichte hat: Besonders im letzten Jahrhundert hat China eine Erfolgslaufbahn hingelegt. Effizienz, Durchsetzungskraft, Entscheidungsvermögen…in all diesen Dingen ist China, so denken die Bürger, den westlichen Ländern überlegen. Und das mag auch stimmen: die Wirtschaft wächst, die Anzahl der Menschen unterhalb der Armutsgrenze sinkt, bei Katastrophen wird sofort geholfen und Verbrechen werden schnell aufgeklärt. Für die Chinesen hat der Staat somit das Image einer ,,Caring Mother’’, was sich an ihrem großen Staatsoptimismus bemerkbar macht: Sie sind überzeugt, dass der Staat niemals etwas falsch machen könnte.

Diese Effizienz der Regierung geht jedoch auf Kosten des politischen Systems. Im Austausch für die Sicherheit und die Fürsorge nehmen die Chinesen in Kauf, kontrolliert und in ihrer Freiheit eingeschränkt zu werden. Sie selbst nehmen das aber überhaupt nicht so wahr: Wie Professor Matten uns erzählte, würden die meisten Chinesen, wenn man sie fragen würde, ob sie denn nicht gerne mehr Freiheiten haben wollen würden, antworten: ,,Wir haben doch Freiheiten! Konsumfreiheit, Studienwahlfreiheit, …’’. Private Freiheiten werden genannt, doch die Idee einer politischen Freiheit würde vielen gar nicht in den Sinn kommen. Freiheit und Menschenrechte werden in China einfach anders definiert als bei uns in Europa.

 

Ein paar extreme Beispiele dafür hatte Professor Matten uns dann auch noch mitgebracht:

Neben der Internetzensur, die das erreichbare Wissen der Menschen bereits einschränkt, lernen chinesische Schüler in der Schule zum Beispiel auch wenig bis nichts über die chinesische Geschichte nach 1949! Dadurch wird beinahe der gesamte Abschnitt von Stalins und später Maos kommunistischer Diktatur, mitsamt den Aufständen und der großen Hungersnot, einfach ausgelassen, da keinerlei Staatshandlungen in China kritisiert werden dürfen. Man lehrt die Schüler also lieber überhaupt nichts über diese Zeit, als versehentlich den Staat zu kritisieren.

Des Weiteren berichtete Professor Matten auch von persönlichen Erfahrungen, die er in China machte: Auf Vorlesungen, die er dort hält, ist zum Beispiel ab und zu ein Sekretär der Partei anwesend. Er kontrolliert, dass Professor Matten nichts gegen China oder das politische System sagt.

 

Es war sehr spannend, mehr über die chinesische Geschichte zu lernen und auch von Professor Mattens eigenen Erfahrungen zu hören. Ich hoffe, dass der Themenbereich China im kommenden neunjährigen Gymnasium in der Oberstufe ausführlich behandelt wird. Gerade jetzt, da China immer stärker wird und im Begriff ist, die USA von ihrer Stellung als ,,letzte verbliebene Großmacht’’ abzulösen, bot der Vortrag uns allen einen sehr interessanten Einblick in chinesische Geschichte und heutige Kultur, wie wir ihn sonst nicht bekommen hätten.