Skip to main navigation Skip to main content Skip to page footer

Die Attikazone mit den Reliefköpfen

Zwischen der Rustikazone und ersten Obergeschoß ist am Eckrisalit eine Attikazone ausgebildet, an der zu beiden Seiten Reliefköpfe angebracht sind.
Zunächst waren für die Fassade am Eckrisalit acht überlebensgroße, freistehende Figuren geplant, auf die jedoch im Baufortgang aufgrund des geringen Budgets verzichtet werden musste.
Zur Ausführung kamen schließlich in der Attikazone acht Reliefköpfe mit rahmenden symbolhaft figürlichen Gestalten. Die Köpfe selbst sind herb, fast grob gestaltet, zeichnen sich aber durch einen „heroischen“ Ausdruck aus: ernste Gesichtszüge, weit geöffnete, starre Augen, die in die Ferne zu blicken scheinen.
Als Folge der Entscheidung für ein moderneres Bildungsziel des humanistischen Gymnasiums findet im Bildprogramm die Suche nach nationaler Identität in der deutsch-germanischen Vergangenheit ihren Niederschlag. Die völkisch orientierte Öffentlichkeit sollte von der nationalen Bedeutung des humanistischen Gymnasiums überzeugt werden: Über dem Hauptportal an der Sulzbacher Straße, also an herausragender Stelle des Gebäudes, befinden sich vier „Heroen“ der deutsch-germanischen Welt, nämlich Schiller, Goethe, Arminius und Wodan.

Eckrisalit: Reliefkopf Friedrich Schiller

An der östlichen Seite des Eckrisalits ist der Kopf Friedrich Schillers mit den Rahmenfiguren Wilhelm Tell und einem Glockengießer angebracht. Der Wiedererkennungswert des Kopfes ist – wie bei allen anderen Reliefköpfen auch – gewährleistet. Sie sind nach allgemein bekannten Büsten der Dargestellten modelliert. Für Schillers Kopf ist die Büste von Johann Friedrich Dannecker (1814) Vorlage gewesen.
Ab 1871, dem Zeitpunkt der Bildung Deutschlands zum Nationalstaat, setzte verstärkt eine öffentliche Schiller-Verehrung ein. 1905 hatte man den 100. Todestag Schillers überall im Reich mit großen Feierlichkeiten begangen. Ein im selben Jahr im Nürnberger Stadtpark gelegter Grundstein wurde im Jahr 1909 mit einem Schillerdenkmal gekrönt. Die Schillerlektüre war im Laufe des 19. Jh. im Unterricht zur Pflicht geworden. Schiller wurde als eisernes kulturelles Kapital der Nation – unabhängig von seinem auch kritischen Werk – vereinnahmt und zu einem der Großen Deutschen ernannt. Er wurde nationalisiert und idealisiert. Die Rahmenfiguren spielen auf die beiden Werke an, die zur Pflichtlektüre des Deutschunterrichts gehörten: „Wilhelm Tell“ und „Die Glocke“.

Eckrisalit: Reliefkopf Johann Wolfgang von Goethe

Der westlich anschließende Kopf stellt Johann Wolfgang von Goethe mit zwei antiken Knabenfiguren dar. Er ist nach der Büste von Christian Daniel Rauch (1820) angefertigt. Einen ähnlichen Prozess wie die Schiller- durchlief auch die Goetheverehrung. Auch Goethe wurde weniger aus Interesse an seinem Werk als an seinem reichen Leben verehrt. Der Goethekult erreichte während des Kaiserreichs seinen Höhepunkt. Der Begriff vom „Olympier Goethe“, in dem sich der Wunsch nach vorbildhafter Größe spiegelt, wird zu dieser Zeit geprägt.

Eckrisalit: Reliefkopf Arminius

Arminius assistiert von zwei Bewaffneten, wohl einem Germanen und einem Römer setzt die Reihe nach Westen fort. Arminius bzw. Hermann war ein Cheruskerfürst, der im Jahr 9 n. Chr. in der Varusschlacht den Römern mit der Vernichtung von drei Legionen eine verheerende Niederlage beibrachte. Er galt im zeitgenössischen Denken als der Befreier Deutschlands und damit als Gründungsvater der Nation. Durch ihn wurde die nationalkulturelle Einigkeit der Deutschen gesichert. Bereits 1875 wurde er mit der Fertigstellung des Hermanndenkmals im Teutoburger Wald zur nationalen Mythos- und Symbolfigur erhoben. Konsequenterweise müssten beide Rahmenfiguren des Arminius-Kopfes Germanen darstellen, denn Arminius kämpfte als Anführer der Germanen gegen die Römer. Diese Darstellung wäre aber für das Bildprogramm eines humanistischen Gymnasiums kontraproduktiv, wollte man doch gerade auf die Gemeinsamkeiten mit der römischen Kultur hinweisen.

Eckrisalit Reliefkopf Wodan

Der letzte Reliefkopf am Eckrisalit der Schule Richtung Sulzbacher Straße stellt Wodan dar. Er war die mächtigste germanische Gottheit, der der Legende nach seine Weisheit zwei Raben namens Hugin und Munin verdankte. Sie saßen – wie hier abgebildet – auf seinen Schultern und berichteten ihm alles, was auf der Welt geschah. Er trägt einen Flügelhelm, wie es auch einige antike Götter tun. Damit wird auf die Gleichwertigkeit des germanischen und antiken Götterhimmels verwiesen. Allerdings wird diese Gleichwertigkeit sofort relativiert. Denn der erste und nördliche Reliefkopf an der Merkelsgasse stellt Zeus dar, der als klassischer Heros in die zweite Reihe hinter die oberste germanische Gottheit gesetzt wird.

Eckrisalit: Reliefkopf Zeus

Zeus wird von Ganymed und einem Adler flankiert. Der Jüngling Ganymed, der sich durch besondere Schönheit auszeichnete, wurde von Zeus in Gestalt eines Adlers auf den Olymp entführt. Dort diente er als Mundschenk der Götter. Die seit dem Mittelalter gebräuchliche Deutung der Figur setzt Ganymed in Beziehung zu Johannes, dem Evangelisten. Der Knabe steht für die menschliche Seele, die durch den Adler zur himmlischen Erkenntnis geführt wird. Überträgt man diesen Inhalt auf den Bildungsauftrag der Schule, würde das bedeuten, dass das Studium der antiken Sprachen und der Literatur einem förmlich Flügel verleiht und zu „göttlicher“ Erkenntnis führt.

Eckrisalit: Reliefkopf Homer

Der Reliefkopf Homers mit seinen Rahmenfiguren Odysseus und Achill verdeutlicht, dass Homer nicht als großer Dichter des Abendlandes gefeiert wird, sondern als Schöpfer dieser beiden Helden. Sie versinnbildlichen die klassischen Heldentugenden wie Vaterlandssinn, Mut, Verantwortung für die Gemeinschaft und Opferbereitschaft, also die Bereitschaft für das politische Gemeinwesen zu kämpfen und dafür zu sterben. Diese Tugenden sollten selbstverständlich auch den deutschen Helden auszeichnen und werden hier ins Gedächtnis gerufen.

Ekrisalit: Reliefkopf Sokrates

Sokrates flankiert von zwei Eulen wird an der Fassade aufgrund seiner Biographie gewürdigt, die ihn als einen unbeugsamen Verfechter einer Lehre, für die er sogar gefasst den Tod durch den Schierlingsbecher in Kauf nimmt, ausweist. Hugo Steiger, Direktor des Alten humanistischen Gymnasiums, schrieb 1926 in der Festschrift zur 400 Jahr-Feier der Schule: „Und wer das Leben und Sterben des Sokrates in der Darstellung Platons erlebt, der weiß, daß er den Gesetzen seines Landes unverbrüchlichen Gehorsam schuldig ist bis zum Tode.“ 

Eckrisalit: Reliefkopf Caesar

Der letzte Reliefkopf der Reihe stellt Caesar mit zwei Siegesgenien dar. Er wird als Kriegsheld und genialer Feldherr gefeiert. Die Römer und insbesondere Caesar konnten durch ihre Sprache und die dazugehörigen Texte als Muster für Ordnung, Disziplin und Pflichterfüllung gegenüber dem Staat interpretiert werden. Ab dem 19. Jh. wurde Caesar, der bis dahin nur eine untergeordnete Rolle in der Schullektüre gespielt hatte, zum wichtigen Schulautor und zur Identifikationsfigur des Lateinunterrichts. Einerseits waren dafür sprachliche Gründe ausschlaggebend, da er in seinem Bellum Gallicum nur einen überschaubaren, puristischen und für die Schüler leicht zu bewältigenden Wortschatz benutzt. Seine Werke konnten allerdings auch zur politischen Instrumentalisierung herangezogen werden, da das alles überragende Thema der Caesar-Lektüre der Krieg mit Gallien ist: Schüler sollten etwas von der weltgeschichtlichen Bedeutung der Unterwerfung Galliens und dem Kampf um die Rheingrenze verstehen lernen. Der Gegensatz zwischen römischer Kultur und germanischer Urkraft, der Bericht über deutsche Männer und Verhältnisse in alter Zeit sollten ihr nationales Interesse wecken.

Bukranion, Eckrisalit zur Merkelsgasse

Als Bekrönung des Rundbogenfensters zur Halle des Treppenhauses ist ein dekorierter Schlussstein angebracht. Seitlich davon ist das Erbauungsjahr 1909-1911 eingemeißelt.
Die Mitte des Reliefs bildet ein sogenanntes Bukranion, ein Rinderschädel, ein seit der Antike gebräuchliches Schmuckmotiv. Dieses weist auf antike Opfertiere zurück und ist durch die Hörner als Symbol der Fruchtbarkeit und der Stärke zu werten. Die Früchte- und Blumenfestons sind Symbole für Überfluss. In diese Richtung weisen auch die beiden Putten und der Früchtekorb, der oben auf dem Schädel steht. Mit diesem Relief wird der Schule ein Segenswunsch ausgesprochen.