Cancel the Classics?
Kann man antike Literatur heute noch guten Gewissens lesen? Seit kurzem steht sie im Kreuzfeuer der Kritik: Von alten, weißen Männern verfasst sei sie in weiten Teilen sexistisch, frauenfeindlich, rassistisch, pädophil, LGBTQIA+-feindlich, kolonialistisch oder gewaltverharmlosend – um nur die obersten Anklagepunkte zu nennen. Im W-Seminar Latein 2024/2026 beschäftigen wir uns mit solchen Texten, die heute als anstößig gelten, und analysieren sie mit Blick auf ihre literarische Form und ihren kulturellen Kontext. Dabei haben wir uns in diesem Schuljahr unter anderem die Frage diskutiert, ob Gewalt (gerade gegenüber Frauen und Kindern) im römischen Epos tatsächlich verharmlost wird, welche Geschlechterrollen und -klischees sich in der römischen Liebesliteratur finden oder ob derbe Szenen im antiken Theater gezeigt worden sind oder nicht.
Um im Dickicht moderner Theorien wie den „Post Colonial Studies“, „Women Studies“ oder „Gender Studies“ nicht den Überblick zu verlieren, war es für das W-Seminar unter der Leitung von StR Dr. Christopher Diez ein ganz besonderer Gewinn, am 18. März 2025 Frau Sarah Weichlein am Melanchthon-Gymnasium begrüßen zu dürfen. Sarah Weichlein ist als wissenschaftliche Mitarbeiterin am Lehrstuhl für Klassische Philologie/Latinistik der Otto-Friedrich-Universität Bamberg (Prof. Dr. Markus Schauer) tätig und forscht zu sexualisierter Gewalt und Geschlechtsstereotypen in der lateinischen Literatur und deren Behandlung im Lateinunterricht. Damit ist sie eine Expertin für genau diejenigen Fragestellungen, mit denen wir uns seit Beginn des Schuljahres beschäftigt haben.
Daher war es für das gesamte Seminar ein großer Gewinn, mit Frau Weichlein über die Dimensionen des „Cancelns“ zu diskutieren und anhand von ausgewählten Catull-Gedichten zu prüfen, welchen Mehrwert es haben kann, antike Texte mithilfe moderner literaturwissenschaftlicher Ansätze neu zu lesen bzw. moderne Fragestellungen ins Gespräch mit römischen Texten zu bringen.
(Text und Fotos: Dr. Christopher Diez)